Nachgefragt bei den Experten: Psychologin Saskia Lüdi im Interview zu psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz

Elena Höppner
von Elena Höppner Content MarketingPubliziert am 02.06.2022

In unseren letzten beiden Artikeln hat sich gezeigt, dass vor allem mit der Beschleunigung und Intensivierung unserer Arbeitswelt Stress und emotionale Erschöpfung keine Einzelphänomene sind. Nicht nur in Führungspositionen sind Belastungen am Arbeitsplatz hoch – und Überlastungen und Burnout-Risiko damit real. Die entscheidende Frage ist: Was können wir tun, um Stress zu reduzieren, Belastungen zu verringern und einen gesunden Ausgleich zu finden? Und wohin können wir uns wenden, wenn wir Anzeichen von übermässigem Stress oder eines Burnouts bei uns feststellen? Zu diesem Thema haben wir mit der Psychologin Saskia Lüdi von WorkMed ein Interview geführt und viele spannende Antworten bekommen.

Guten Tag Frau Lüdi, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für unser Interview nehmen. Kurz zu Ihrer Person: Sie arbeiten als Psychologin bei WorkMed als Aussenstelle der Psychiatrie Baselland, richtig?
Genau, WorkMed ist ein Kompetenzzentrum, das auf Arbeitsintegration und -rehabilitation, also im Grossen und Ganzen auf psychische Gesundheit im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit, spezialisiert ist.

Alles klar, dann beginnen wir mal ganz allgemein: Inwiefern würden Sie sagen, dass Arbeit ein gesundheitsgefährdender Faktor sein oder zu einem solchen werden kann?
Grundsätzlich geht man eigentlich davon aus, dass Arbeit förderlich für unsere psychische Gesundheit ist. Sie deckt ganz viele menschliche Grundbedürfnisse wie Struktur, Orientierung, Identität, ein soziales Netz, Wertschätzung und auch finanzielle Unabhängigkeit ab. Arbeit gehört also eigentlich dazu, damit wir ein gutes Leben führen können. Die gesundheitsgefährdenden Faktoren sind wiederum sehr individuell. Es kommt stark auf die persönlichen Ressourcen der Person und die gesamte Lebenssituation an. Als gesundheitsgefährdend lässt sich Arbeit sicher ab dem Moment einstufen, wo die Belastungs- und Ressourcenbalance eines Menschen über längere Zeit hinweg nicht mehr stimmt – wenn also längerfristig mehr Belastungen als Ressourcen gegeben sind. Was man z.B. spezifisch für die Schweiz weiss, ist, dass einer der grössten Stressfaktoren viele Arbeitsunterbrechungen sind, das alleine macht aber noch nicht krank. Auch eine hohe Arbeitslast und sogenannte psychosoziale Belastungsfaktoren wie Konflikte, Kränkungen, Mobbing oder eine andere schwierige Situation im sozialen Umfeld sind stark stressfördernde Faktoren.

Wir haben jetzt bisher allgemein von Stress gesprochen, der ausgelöst wird von den verschiedenen Faktoren, die Sie gerade genannt haben. Inwiefern kann sich aus diesem Stress dann tatsächlich ein Burnout-Syndrom entwickeln?
Da müssen wir erstmal eine wichtige Unterscheidung in Bezug auf Stress vornehmen: Für akuten Stress sind wir sehr gut ausgerüstet, wir können kurze Herausforderungen problemlos meistern und wachsen in Stresssituationen über uns hinaus. Die Einstellung, dass man mit dem richtigen Mindset durchgehend tiefenentspannt durchs Leben gehen könnte, ist nicht korrekt. Wo sich jedoch definitiv die Grenze zu Burnout oder einer Erschöpfungsdepression zieht, ist, wenn der Stresspegel chronisch aufrechterhalten bleibt. Oft wird Burnout – wahrscheinlich wegen des Wortes «brennen» – auch falsch verstanden. Man stellt sich vor, dass einfach zu viel Energie verbraucht wird. Aber was eher passiert, ist, dass der Körper nach und nach einen Verlust an Erholungsfähigkeit erleidet. Man könnte sagen, man verbraucht nicht einfach zu viel Sprit, sondern man kann gar nicht mehr tanken. Burnout muss deshalb nicht immer die Folge von Stress sein, aber es ist sehr oft eine Folge, wenn über lange Zeit, also chronisch, ein hoher Stressfaktor gegeben ist und die Person dies nicht bewältigen kann. Auch entscheidend ist, ob es multifaktorieller Stress ist. Wenn also z.B. an der Arbeit eine schwierige Teamsituation vorliegt und man nach Hause kommt, und sich sehr gut auf seine Privatzeit einlassen kann, dann ist die Tendenz deutlich kleiner, dass ein Burnout entsteht.

Wie äussern sich denn übermässiger Stress oder erste Anzeichen eines Burnouts? Worauf kann und sollte man bei sich achten?
Es lassen sich Frühanzeichen auf allen drei Ebenen der Gesundheit finden, also körperlich, psychisch und sozial. Die häufigsten Beschwerden sind im Bereich des Schlafs und der Konzentrationsfähigkeit. Man merkt recht schnell, wenn man schlecht schläft, Ein- und Durchschlafstörungen hat, übermässig in Gedanken versunken ist, Konzentrationsschwierigkeiten hat und damit auch weniger produktiv bei der Arbeit ist. Was sehr oft auf der emotionalen Ebene vorkommt sind Ängste. Stress ist im Grunde eher ein Angstzustand. Oft haben Menschen, die ein Burnout haben, im Verlauf beispielsweise Panikattacken oder entwickeln andere Unsicherheiten. Auch der Verlust von Freude und Enthusiasmus sind typisch – und dann auch wirklich das Erschöpfungsempfinden, sodass man Schlaf gar nicht mehr als erholsam wahrnimmt. Im sozialen Bereich ist es oft erhöhte Reizbarkeit oder sozialer Rückzug.

Sie hatten es vorhin schon ein bisschen angesprochen: Was man tun kann, um ein Burnout zu vermeiden, ist wahrscheinlich darauf zu achten, dass man einen guten Ausgleich zu möglichen Stresssituationen hat, oder?
Genau, also grundsätzlich nach dem Motto «Augen auf für chronische Disbalance im Leben». Das wird vor allem zu einem Thema, wenn Menschen bei der Arbeit sehr engagiert sind und mit der Einstellung «nur noch einmal durchbeissen» durch den Arbeitsalltag gehen. Gerade bei multifaktoriellen Belastungsfaktoren, also wenn man mehrere Baustellen im Leben hat, lohnt es sich, mit dem Vorgesetzten in Kontakt zu treten und zu kommunizieren, dass man momentan im Privatleben stark ausgelastet ist und mit seinen Ressourcen haushalten muss. Auf der Ebene der persönlichen Prävention ist es ratsam, vor allem die eigene Abgrenzungs- und Erholungsfähigkeit im Blick zu haben und sich aktiv Freiräume zu schaffen, durch die das System wieder runterfahren kann. Eine aktive Erholung durch Spaziergänge, Meditation oder Kurzpausen ist enorm effektiv. Auch sogenannte Mikropausen in den Tag einzufügen, also das andauernde Stresslevel auf einfache Art zu unterbrechen, kann helfen. Ausserdem ist es wichtig, bewusst Übergänge von Arbeit zu Freizeit zu gestalten. Diesbezüglich hatten einige Menschen während der Pandemie im Homeoffice Probleme, da die Grenzen hier viel weniger vorgegeben sind. Auch Sport ist erwiesenermassen stressregulierend – wenn man es richtig macht, also nicht auf Leistungssteigerung, sondern auf einem 80 Prozent-Level der Leistungsfähigkeit trainiert. Und natürlich soziale Kontakte; gute soziale Bindungen geben Rückhalt.

Gibt es denn Berufsgruppen, die besonders von Stress und Burnout betroffen sind?
Man hat Burnout schon seit längerer Zeit im Blick; zunächst überwiegend auf die klassischen «Arbeiter» nach der Industrialisierung bezogen. Später ist es dann eher im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens aufgekommen; man hatte das Gefühl, es ist primär ein emotionales Ausbrennen. Mittlerweile kann man allerdings sagen, dass es in allen Berufsgruppen ohne spezifische Häufung vorkommt.

Wir interessieren uns nun besonders für die Baubranche: Welche Faktoren könnten Sie sich vorstellen, die speziell in diesem Berufsfeld zu Stress und Burnout führen?
Es gibt nicht wirklich repräsentative Zahlen, aber nach meinen Erfahrungen würde ich denken, es ist diese «Sandwichposition», vor allem als Projektleiter, die problematisch sein könnte. Man muss sich immer zwischen verschiedenen Bedürfnissen bewegen, zwischen Zeitplänen, wo Abhängigkeiten bestehen, die man nicht immer selbst in der Hand hat, und wo Zeitverzögerungen an der Tagesordnung sind. Der Umgang damit hängt allerdings wieder sehr stark mit individuellen Faktoren und Ressourcen der Person ab.

Gibt es denn Faktoren, auf die Mitarbeitende und Vorgesetzte speziell in der Baubranche achten können, um entschärfend auf die teils unvermeidlich stressigen Situationen zu reagieren und Stress und Burnout langfristig zu vermeiden?
Ein wahnsinnig wichtiger Faktor sind die sozialen Beziehungen, auch im Arbeitsumfeld. Eine betriebliche Integrität, das Wissen, dass man hintereinandersteht und es einen positiven Umgang mit Fehlern gibt, sind durchaus entscheidend. Was man darüber hinaus über alle Bereiche hinweg sagen kann, ist, dass gesundheitsbewusste Führungskräfte auch gesündere Mitarbeitende und letztendlich auch weniger Ausfälle haben.

Wohin kann man sich wenden, wenn man Anzeichen von übermässigem Stress oder Anzeichen eines Burnouts erkennt?
Die erste Anlaufstelle ist oftmals der Hausarzt / die Hausärztin. Wenn man wirklich schon Anzeichen eines Burnouts erkennt und erwähnte Präventivmassnahmen nicht wirken, ist es definitiv sinnvoll, zu einer persönlichen Beratung mit einer Fachperson zu gehen.

Ist es denn wahrscheinlich, dass – wenn man schon Burnout-Anzeichen hat, aber nichts dagegen unternimmt – die Beschwerden zurück gehen und es sich von selbst wieder gibt? Oder handelt es sich eher um ein Problem, das man grundsätzlich hat, weil man beispielsweise «falsch» mit dem Verhältnis von Arbeit und Privatleben umgeht?
Man kann natürlich eine Zeit abwarten und schauen, ob es sich beruflich oder privat gerade um eine Ausnahmesituation handelt – nicht jede Belastungssituation ist direkt ein Vorbote eines Burnouts. Hier kommt es auf die Kontinuität an. Wenn man über Wochen Schlafstörungen hat, nicht mehr abschalten kann oder sich durchgehend resigniert oder gereizt fühlt, dann ist das schon etwas anderes. Das ist bei psychischen Beschwerden ähnlich wie bei körperlichen. Wenn man an einem Tag etwas Rückenschmerzen hat, ist das noch nicht bedenklich, aber wenn es über Wochen anhält, natürlich schon. Man sollte also schauen, wie oft und wie lange Symptome vorkommen. Wenn es sich um längerfristige Beschwerden handelt, sollte man sie ernst nehmen. Es gibt Hinweise, dass Menschen, die prädestiniert sind für Burnout, oft perfektionistisch und hoch engagiert sind, sie identifizieren sich sehr mit der Arbeit; es sind die Mitarbeitenden, die man sehr schätzt. Und gerade diejenigen tendieren dazu, sich zwei Jahre durchzubeissen und dann geht plötzlich gar nichts mehr. Es braucht dann deutlich länger, die Menschen wiederaufzubauen. In unserer täglichen Arbeit sehen wir, dass solche Krisen oft bereits eine längere Vorgeschichte haben.

Das klingt nachvollziehbar. Wie würde man am besten vorgehen, wenn man das Gefühl hat, bei einer*m Mitarbeiter*in Anzeichen von anhaltendem Stress oder eines Burnouts zu erkennen? Ist es da am geschicktesten direkt den Dialog zu suchen?
Ja, das ist was wir ganz klar empfehlen. In unseren Studien hat sich eindeutig gezeigt, dass Führungspersonen zwar alle interessiert und besorgt sind, auch ein gutes Gespür für ihre Mitarbeitenden haben, aber zu wenig ins Handeln kommen. Vielleicht haben sie auch zu viel Respekt, sich in private Bereiche zu bewegen – es ist auch heutzutage noch etwas anderes Rückenschmerzen anzusprechen als eine schlechte Stimmung. Die Studienlage zeigt aber, dass es, wenn Führungskräfte in den Dialog mit betroffenen Mitarbeitenden treten, und sogar – das wäre dann noch eine Stufe weiter – mit Hausärzten und Therapeuten zusammenarbeiten, deutlich wahrscheinlicher ist, dass Mitarbeitende behalten und wieder integriert werden können.

Ok, also Sie empfehlen eigentlich ganz klar Kommunikation und gemeinsame Arbeit an der Situation. Vielen Dank Frau Lüdi, dass wir durch Sie solch einen guten Einblick in dieses wichtige Thema bekommen konnten!