Wenn der Nachwuchs fehlt – Fachkräftemangel in der Baubranche

Elena Höppner
von Elena Höppner Content MarketingPubliziert am 04.11.2021

Körperlich anspruchsvolle Arbeit, dreckige Kleidung, der Ruf eines rüden Auftretens und wenig Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung – das ist, was den meisten beim Gedanken an den Bauberuf durch den Kopf geht. Und zwar vor allem der jüngeren Generation.

Ob Maurer, Spengler oder Strassenbauer – sie alle sind mit dem gleichen Problem konfrontiert: Es fehlt der Nachwuchs. Nach dem Schweizerischer Baumeisterverband SBV liegt der Anteil der über 50-Jährigen, die auf dem Bau arbeiten, bei mehr als einem Drittel. Anders gesagt bedeutet das, dass bis 2030 ein Drittel der Beschäftigten des Bauhauptgewerbes in (Früh-)Pension gehen. Verlassen diese geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge, die sogenannten Babyboomer, den Arbeitsmarkt, wird eine grosse Lücke in der Baubranche entstehen.

Die Ausbildung qualifizierter, junger Facharbeiter ist schon seit Jahren ein dringendes Anliegen - und wird immer dringlicher. Das Baugewerbe gehört zu den Branchen, in denen in den letzten Jahren prozentual die meisten Lehrstellen offengeblieben sind. Auch wenn es sich bei den kommenden um geburtenschwache Jahrgänge handelt, was ein Grund für viele unbesetzte Lehrstellen ist, erklären sich dadurch noch nicht die im Vergleich zu anderen Branchen explizit niedrigen Lehrlingszahlen. Dabei gibt es jedoch nicht nur einen Mangel an Personal, sondern vor allem an qualifiziertem Personal. Eine Studie des Schweizerischen Observatoriums für Berufsbildung zeigt auf, dass 20 bis 25 Prozent aller Lehrverträge frühzeitig aufgelöst werden – wobei das Baugewerbe noch über diesem Durchschnitt liegt. So werden lange nicht alle Lehrlinge, die die Lehre beginnen, diese auch abschliessen und letztendlich in ihrem Beruf erfolgreich arbeiten.

Ursache für das geringe Interesse der jüngeren Generation, einen Bauberuf zu erlernen, ist wohl das nach wie vor wenig populäre Image des Bauberufs. Die Klischees von dem in Hitze wie Kälte für geringen Lohn schwer schuftenden Bauarbeiter ohne Möglichkeiten zur beruflichen Weiterbildung halten sich offenbar hartnäckig. Zu wenig sieht die junge Genration ihre beruflichen Wünsche und Vorstellungen wie Teilzeitarbeit, moderne Technologien und abwechslungsreiche und herausfordernde Aufgabenbereiche hier umgesetzt. Inwiefern dieses Image der Realität heute noch entspricht, ist fraglich und der Umgang mit diesen Themen unterscheidet sich auch stark zwischen einzelnen Unternehmen.

Fakt ist jedoch: Die Baubranche muss sich fortschrittlich und innovativ zeigen, um die jüngere Generation für sich gewinnen zu können. Teilzeitarbeitsmodelle und der zunehmende Einsatz digitaler Technologien, durch den die Arbeit zum einen effektiviert wird, zum anderen aber auch neue, technisch anspruchsvollere und vielseitigere Anforderungen im Bauberuf entstehen, könnten das Image des Bauberufs deutlich aufwerten. Darüber hinaus liesse sich damit eine weitere Möglichkeit eröffnen: Die gezielte Ansprache von Frauen für den Bauberuf. Während Frauen in einigen Baubereichen, wie beispielsweise dem Gartenbau, oftmals bereits die Hälfte der Lehrlinge ausmachen, sind sie in anderen Bereichen, wie z.B. im Strassenbau, nur sehr vereinzelt vertreten. Neben Teilzeitarbeitsmodellen und technischen Hilfsmitteln, die zu einer physisch weniger anstrengenden Arbeit beitragen, muss für das erfolgreiche Anwerben von Frauen allerdings auch das Image des Bauberufs als typische Männerdomäne angegangen werden. So sind Anlässe, bei denen Mädchen unvoreingenommen in Bauberufe reinschnuppern können, äusserst wertvoll, um von kleinauf ein geschlechterunabhängiges Berufsbild zu prägen. Darüber hinaus ist die Umgangskultur in Lehre und Baubetrieb selbst natürlich ein entscheidendes Kriterium.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Baubranche in naher Zukunft einem Wandel unterliegen muss. Da die Themen «Frauen», «Teilzeitarbeitsmodelle» und «Digitalisierung» im Bauberuf für diesen eine entscheidende Rolle spielen, möchten wir uns hiermit in den nächsten Wochen genauer beschäftigen.