Digitalisierungspotenziale analysieren und ausschöpfen – Ein Interview zum «Guide to Digital Transformation»

Domenic Duwe
de Domenic Duwe Marketing 10.03.2022

BIM, Automatisierung oder doch lieber eine Software für die Ressourcenplanung - viele Baufirmen stellen sich die Frage, wo sie mit der Digitalisierung starten sollen. Abhilfe dafür möchte der Schweizerische Baumeisterverband SBV mit dem «Baumeister 5.0», einem Konzept zur Unterstützung der digitalen Transformation in der schweizerischen Bauwirtschaft, schaffen. Das in diesem Kontext entwickelte Tool «Guide to Digital Transformation» nimmt hierbei eine zentrale Position ein.

Bei dem Anfang dieses Jahres fertiggestellten «Guide to Digital Transformation» handelt es sich um ein Analyse- und Partnervernetzungstool. Dieses bietet Bauunternehmen zum einen die Chance, eine Standortbestimmung vorzunehmen und aufgezeigt zu bekommen, in welchen Bereichen innerhalb der Firma digitale Potenziale besser ausgeschöpft werden können. Zum anderen werden dem Unternehmen passende Partner, Fachexperten und Lieferanten vorgeschlagen, mit deren Hilfe die digitalen Lücken geschlossen werden können. Einer dieser Partner ist Vanillaplan - und wir freuen uns sehr dabei zu sein!

Da uns das Thema Digitalisierung sehr am Herzen liegt, haben wir Zafer Bakir, den «Head of Digital & IT» des SBV, zum «Guide to Digital Transformation» interviewt.

Das Hauptthema des Baumeister 5.0 und des Guide to Digital Transformation ist die Digitalisierung der Schweizer Baubranche, wie sehen Sie hier den aktuellen Stand?
Das ist auf jeden Fall eine spannende Frage, aber natürlich auch eine Frage der Perspektive. Aus der Sicht eines Finanzdienstleisters hat die Baubranche natürlich nicht den gleichen digitalen Reifegrad wie andere Branchen, wobei sich hier in den letzten Jahren viel getan hat. Vor allem bei den Supportprozessen, zum Beispiel Rechnungslegungen oder Kalkulationen sowie bei ERP-Systemen und der IT-Infrastruktur haben wir einen sehr grossen Sprung gesehen. Auch das digitale Arbeiten, wie der Zugriff auf Dokumente von der Baustelle aus, gehört hier dazu. Allerdings ist der digitale Reifegrad bei der Ausführung auf der Baustelle immer noch eher tief. Das liegt daran, dass es schwierig ist dort zu standardisieren oder zu automatisieren, da sich die Bedingungen stetig ändern; mal ist es nass, mal schmutzig, mal arbeitet man an einem Hang und so weiter. Der Kontrast dazu wäre vielleicht der Holzbau, wo in einer geschlossenen Halle bei der Vorproduktion viel automatisiert oder standardisiert werden kann.Inzwischen entstehen aber auch auf der Baustelle Ansätze mit Robotik, welche viel Potenzial haben. Bei der Digitalisierung ist schon viel passiert, aber es wird auf jeden Fall noch sehr viel mehr passieren. Insbesondere im Kontext von BIM wird sich in den nächsten Jahren viel verändern.

Sie haben bereits einige Trendthemen angesprochen, können Sie hierauf noch etwas genauer eingehen?
Wir sehen mehrere Themen, auf welche man als Bauunternehmer jetzt reagieren sollte. Vor Kurzem haben wir einen Trendradar erstellt und der zeigt ganz klar, dass das Überthema BIM mit all seinen Facetten und Anwendungsfällen extrem wichtig ist. Die Relevanz kommt nicht nur aus Eigeninitiative der Baufirmen heraus, was natürlich schön wäre, sondern auch immer mehr auf Verlangen der Kunden - der Kunde verlangt BIM. Dabei setzt vor allem der öffentliche Kunde in der Ausschreibung BIM voraus, was sich dann durch die ganze Wertschöpfungskette zieht.

Wenn die öffentliche Hand BIM verlangt, ist es dann nur eine Frage der Zeit bis private Kunden auch BIM verlangen?
Ja genau, aber hier sehen wir auch, dass sich die Kunden noch selbst finden müssen. Soll heissen, sie sind noch auf dem Weg einen allgemeingültigen Standard für die Ausschreibung digitaler Anforderungen inklusive BIM zu finden.

Wie wird das Thema Digitalisierung denn bei den Baufirmen aufgenommen?
Es ist ein herausforderndes Thema. Die klassische Digitalisierung ist keine Disziplin, die man auf der Baustelle vorher kannte. Es ist ein neues Thema, aber man sieht, dass sich die Unternehmen dieser Sache jetzt wirklich annehmen. Sie wollen die Digitalisierung nutzen, um sich besser zu positionieren und davon natürlich auch finanziell profitieren. Vor drei oder vier Jahren waren die Distanz zum Thema und die Unklarheiten noch um einiges grösser als heute. Wir merken, dass unsere Mitglieder der Digitalisierung sehr positiv entgegenblicken.

Hatte Ihrer Meinung nach Covid-19 einen Einfluss auf diese Entwicklung?
Es hatte sicherlich einen Einfluss, zwar nicht in der Ausführung auf der Baustelle selbst, aber sicherlich auf die Art der Zusammenarbeit. Bei Rapportierungsmeetings oder Teammeetings konnte auf digitale Plattformen ausgewichen werden und es hat dem Ganzen sicher einen Push gegeben. Auch bei der Zusammenarbeit mit anderen Gewerken wurden Plattformen wie Zoom oder Teams schnell zu einer Alternative. Das hatte wiederum einen starken Einfluss auf die Sensibilisierung für digitale Themen. Die Einfachheit solcher Meeting Tools zeigt für mich auch einen kritischen Erfolgsfaktor für alle anderen Tools; sie müssen intuitiv funktionieren, damit sie genutzt werden.

Jetzt wollen wir etwas näher auf den Guide to Digital Transformation eingehen, wie ist das Ganze entstanden?
Da muss ich jetzt etwas weiter ausholen. Die Rolle, die ich jetzt innehabe, gab es vorher so noch nicht. Mit meiner Position wurde zum ersten Mal eine zentrale Anlaufstelle für digitale Fragen etabliert, sodass unsere Mitglieder eine direkte Ansprechperson zu digitalen Themen im Verband hatten. Dabei haben wir gemerkt, dass immer wieder ähnliche Fragen aufkamen. Oft thematisiert wurde beispielsweise die Frage nach einer geeigneten BIM Software, was allerdings nur schwer eine allgemeingültige Antwort zulässt. Auch die häufig aufkommende Frage, in welchen Bereichen die Digitalisierung zuerst umgesetzt werden sollte oder welche Fachleute dabei unterstützen könnten, benötigt individuelle Antworten. Daraufhin haben wir nach Möglichkeiten gesucht, diese Fragen und Bedürfnisse auf eine automatisierte Weise zu beantworten und dabei gleichzeitig unser bestehendes Netzwerk an Experten und Anbietern nutzen zu können. Hierbei haben wir uns an anderen Branchen orientiert, in welchen es digitale Reifegrad-Tools schon länger gibt und uns daraufhin entschlossen, ein vergleichbares Tool für die Baubranche zu entwickeln. Ziel war es, unseren Mitgliedern ihre individuellen Herausforderungen aufzuzeigen und in einem zweiten Schritt Möglichkeiten zu präsentieren, diese Herausforderungen anzugehen. Dies bewerkstelligen wir durch die Vermittlung unserer digitalen Partner. Zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz haben wir das Tool dann schlussendlich entwickelt.

Können Sie einmal kurz erklären, wie der genaue Ablauf bei der Nutzung des Tools aussieht?
Als erstes meldet der Bauunternehmer sich und seine Mitarbeitenden im Tool an. Dann beantworten alle einen Fragebogen zu digitalisierungsbezogenen Themen im Unternehmen. Daraufhin bekommt der Bauunternehmer zum einen eine Auswertung mit einem Quervergleich, bei dem er seine persönliche Wahrnehmung im Vergleich zur Wahrnehmung seiner Mitarbeitenden bezüglich des Digitalisierungsfortschritts im Unternehmen sieht. Zum anderen bekommt er einen Benchmark wie seine Firma in verschiedenen Bereichen der Digitalisierung im Branchenvergleich dasteht. Anschliessend kann sich der Bauunternehmer direkt im Tool mit potenziellen Partnern wie zum Beispiel Vanillaplan vernetzen. Das funktioniert so, dass ihm entweder Partner vorgeschlagen werden, welche mit ihrem Leistungsportfolio den Bedürfnissen der Reifegradanalyse entsprechen. Die andere Möglichkeit ist, dass er anschliessend im Tool die verschiedenen Partner selbst suchen kann.

Wie war bis jetzt das Feedback?
Das Feedback war bisher sehr positiv. Es braucht aber noch eine gewisse Betreuung und auch eine gewisse Sensibilisierung unserer Mitglieder für die Nutzung des Tools. Wir merken schon, dass es noch nicht breit genutzt wird, was aber sicherlich auch der Neuheit geschuldet ist, schliesslich steht es ja auch erst seit ungefähr zwei Monaten zur Verfügung. Hier müssen wir noch Arbeit reinstecken, vor allem bezüglich Werbung.

Wie geht es jetzt weiter?
Das primäre Ziel ist jetzt erstmal das Tool weiter bei unseren Mitgliedern zu verbreiten. In einem nächsten Schritt wollen wir noch weitere Funktionen sowohl für die Bauunternehmen als auch für die Partner entwickeln, um die Zusammenarbeit noch mehr zu stärken.

Herzlichen Dank für das Interview Herr Bakir!

Wenn Sie den «Guide to Digital Transformation» des SBV ausprobieren wollen, finden Sie den Link hier:

https://baumeister.swiss/baumeister-5-0/digitalisierung/guide-to-digital-transformation/